Nach Blutsbrüder (2015), Der geheime Garten (2016) und Sofies Welt (2017) präsentierten Elisabeth Sikora, Caspar Richter und Markus Olzinger dieses Jahr bereits zum vierten Mal den Musical-Frühling in Gmunden. Im März und April 2018 war in der malerischen Stadt am Traunsee die deutschsprachige Erstaufführung des Broadway-Musicals Jane Eyre zu erleben.

Das Stück basiert auf dem gleichnamigen Roman von Charlotte Brontë aus dem Jahr 1847. Die Geschichte der Gouvernante Jane Eyre, die im England des 19. Jahrhunderts allen Widrigkeiten zum Trotz nach Freiheit und Selbstverwirklichung strebt, ging als Klassiker in die Weltliteratur ein und zog zahlreiche Film- und Bühnenadaptionen nach sich.

© Rudi Gigler

Nach verschiedenen Workshops und der Uraufführung 1996 in Toronto feierte das Musical Jane Eyre aus der Feder von Paul Gordon (Musik und Gesangstexte) und John Caird (Buch und zusätzliche Gesangstexte) im Dezember 2000 seine Broadway-Premiere. Die Produktion stieß auf gemischte Kritiken und der große Publikumserfolg blieb aus. Kurz nach Verkündigung der Tony-Nominierungen (die 2001 von The Producers dominiert wurden) gab die Show ihre Schließung bekannt und konnte auch durch finanzielle Unterstützung von Alanis Morissette nicht länger am Leben gehalten werden.

Dass Jane Eyre den Broadway nach einem halben Jahr als Flop verließ, hängt sicher mit vielen Faktoren zusammen, aber insgesamt war zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Nachfrage nach neuen Historien-Musicals dieser Art stark gesunken. Der Frage nach dieser Entwicklung am Broadway gehe ich auch in meinem Kulturpoebel-Artikel über die Neuerfindung des Kostümdramasnach. Stilistisch orientiert das Stück sich an den Konventionen der Euro-Megamusicals der 1980er-Jahre (wie Les Misérables und Phantom of the Opera), für die von amerikanischen Kritikern der (oft abwertend gebrauchte) Begriff „British Invasion“ geprägt wurde. Bereits Mitte der 1990er zeichnete sich ab, dass dieses Subgenre aus der Mode geriet – ein Schicksal, das mit der von The Producers eingeläuteten Wiedergeburt der amerikansichen Musical Comedy um die Jahrtausendwende besiegelt wurde.

Paul Gordons Score, der die Geschichte in opulenten Melodien erzählt, dürfte Fans von Frank Wildhorn sehr gefallen. Die Musik mag für mich nicht die gleiche Wirkkraft und Einzigartigkeit haben wie vergleichbare Partituren aus derselben Zeit (wie Titanic, Ragtime und The Secret Garden), funktioniert auf der Bühne aber dennoch sehr gut. Der meiner Meinung nach musikalische Höhepunkt, die wunderschöne Ballade „Süße Freiheit“ („Sweet Liberty“), wird in seiner Funktion als I Want-Song zwar schon zu Beginn des ersten Aktes gesungen, aber auch der Rest der Show hält einige Perlen bereit. Die englischen Liedtexte sind stellenweise etwas trivial, aber Sabine Ruflair – die sich in den letzten Jahren zu einer der führenden Übersetzerinnen im deutschsprachigen Raum entwickelt hat – ist eine schön klingende deutsche Fassung gelungen.

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John Cairds Buch orientiert sich stark an Charlotte Brontës Romanvorlage und trifft auf Janes Reise vom Waisenkind, das mit Strenge erzogen wird, zum Anwesen von Mr. Rochester, in den sie sich verliebt, genau das richtige Erzähltempo. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war der Roman in vielerlei Hinsicht seiner Zeit voraus, geradezu radikal. Die Tatsache, dass das Buch nur veröffentlicht werden konnte, da Charlotte Brontë so wie ihre Schwestern unter einem männlichen Pseudonym (Currer Bell) schrieb, sagt viel über die gesellschaftlichen Umstände aus, in denen die Geschwister aufwuchsen. Noch heute wird Jane Eyre als die große feministische Heldin der viktorianischen Literatur gefeiert – was selbstverständlich nicht ausschließt, dass einige Aspekte, die vor 150 Jahren als riskant und progressiv galten, aus einer feministischen Perspektive des 21. Jahrhunderts wiederum problematisch sind.

Ob Jane Eyre am Ende tatsächlich die Emanzipation gelingt, da sie Mr. Rochester auf Augenhöhe begegnet und er sie als eine Gleichgestellte heiratet oder ob sie letztendlich doch den patriarchalen Machtverhältnissen ihrer Zeit unterliegt, ist offen für Interpretation. Auch Mr. Rochester kann man entweder als Byronic Hero oder als regelrechten Creep lesen. (Die Sache mit seiner psychisch kranken ersten Frau, die er auf dem Dachboden gefangen hält? Nicht so romantisch.) Das ist eben die Sache – wenn man solche Klassiker aus dem Literaturkanon adaptiert, kommt es oft zwangsläufig auch zu einer Wiederbelebung alter Geschlechterrollen, aber im Kontext seiner Zeit betrachtet lässt Jane Eyre sich als protofeministisches Manifest einordnen.

Markus Olzinger ist in Gmunden eine stringente Inszenierung gelungen, die er mit klarer Personenführung und einem angenehm kitschfreien Bühnenbild ausstattet. Ästhetisch fühlte ich mich ein wenig an Sally Cooksons wunderbar reduzierte Schauspielfassung von Jane Eyre erinnert, die ich vor zwei Jahren in London am National Theatre sah. Ein schlichtes Holzgerüst, ein weißer Vorhang, sorgsam gewählte Möbelstücke, authentische historische Kostüme (Mathilde Grebot) und hochwertige, geschmackvoll eingesetzte Videoprojektionen (Jürgen Erbler & Jan Schütz) ergeben im Zusammenspiel mit Julia Ledls Choreografie ein stimmiges Gesamtbild.

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Des Weiteren besticht die Inszenierung mit einer handerlesenen Besetzung, die sich wie ein Who is Who namhafter VBW-Veteranen der letzten Jahre liest. Elisabeth Sikora, die den Musical-Frühling gemeinsam mit Markus Olzinger und Caspar Richter ins Leben rief, liefert in der Titelpartie gesanglich eine hervorragende Leistung und überzeugt auch in den Dialogen mit zurückgenommenem, authentischem Schauspiel. Wenngleich ich Mr. Rochester wie bereits erwähnt nicht für den leidenschaftlichen und stürmischen Antihelden halte, als der er häufig verkauft wird (#yourfaveisproblematic), gibt Yngve-Gasoy Romdal mit charismatischem Schauspiel und seiner unverkennbaren Gesangsstimme eine brillante Darbietung, die Rochesters innere Zerrissenheit spürbar werden lässt.

In der Rolle der Haushälterin Mrs. Fairfax sorgt Carin Filipčić für den Comic Relief und spielt ihre Rolle mit viel Wärme und perfektem Timing. Als Blanche Ingram begeistert Leah Delos Santos mit glasklarem Gesang und anmutigem Auftreten. Auch die Nebenrollen sind mit profilierten Künstlern wie Dennis Kozeluh (Mr. Brocklehurst), Max Niemeyer (Richard Mason), Marcel-Philip Kraml (St. John Rivers), Heideline Schuster (Mrs. Reed), Carmen Wiederstein(Mrs. Scatcherd) und Roman Straka (Robert) hervorragend besetzt. Nachhaltig beeindruckend ist auch die Leistung der talentierten Kinderdarsteller. Stellvertretend für das gesamte Kinderensemble dürfen die starken Leistungen von Sarah Reininger (Helen), Romy Danilkow (Adele) und Alessia Pimmingsdorfer (Junge Jane) in der besuchten Vorstellung nicht unerwähnt bleiben.

Was den Musical-Frühling zudem auszeichnet, ist das Orchester unter der Leitung von Caspar Richter, der seinerzeit das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien gründete und zu großem Erfolg führte. In Gmunden sorgen insgesamt 18 Musikerinnen und Musiker für einen opulenten Orchesterklang und es ist schön, wie viel Wert auf hohe Qualität auch in diesem Bereich gelegt wird.

© Rudi Gigler

Im Zeitalter von Hamilton und The Great Comet mag die Herangehensweise an einen historischen Stoff, wie Gordon und Caird sie vor über zwanzig Jahren mit Jane Eyre wählten, nicht mehr zeitgemäß erscheinen. Im deutschsprachigen Raum stehen solche traditionell umgesetzten Kostümdramen aber nach wie vor hoch im Kurs, wie zuletzt Doktor Schiwago in Leipzig unter Beweis stellte. Jane Eyre ist für mich nicht das perfekte Musical, aber als Romanadaption im Erbe von Stücken wie Les Misérables funktioniert es sehr gut und dürfte hierzulande viele Liebhaber finden. Ich kann mir gut vorstellen, dass in den nächsten Jahren weitere Stadttheater und Freilichtbühnen nachziehen.

Den ersten Schritt hierzu – die deutschsprachige Erstaufführung – wagte dieses Jahr der Musical-Frühling in Gmunden und alle Beteiligten können unheimlich stolz sein auf das, was sie auf die Bühne gebracht haben. Der Musical-Frühling entwickelt sich mittlerweile zu einer festen Institution, die dieses Jahr erneut eine deutschsprachige Erstaufführung brachte und eine absolute Bereicherung für die deutschsprachige Musicalszene darstellt. Man darf gespannt sein, welches Stück im nächsten Jahr in Gmunden zur Aufführung kommen wird.